Ausstellung zur Friedlichen Revolution in Suhl 1989/90 PDF Drucken

demonstration_customDerzeit ist in der Stadt Suhl eine Ausstellung zu lokalen Ereignissen der Friedlichen Revolution vor 20 Jahren zu sehen. Initiiert von Oberbürgermeister Dr. Jens Triebel, ausgestattet mit Fotoaufnahmen von Reinhard Wenzel, Manfred Hiersemann, Rolf Kornmann und Herbert Sachse, gestaltet durch die Suhler Designer Manuela Hahnebach und Andreas Kuhrt und unterstützt durch die Rhön-Rennsteig-Sparkasse erinnert sie an die Geschehnisse von 1989/90. Die Ausstellung ist noch bis zum 20-jährigen Jubiläum der Volkskammerwahl Mitte März 2010 im Foyer des Neuen Rathauses zu sehen. Die nebenstehende Aufnahme von Rolf Kornmann zeigt den Steinweg zur Großdemonstration am 4.11.1989.

Die Stadt Suhl hatte zu Jahresbeginn 2009 dazu aufgerufen, Dokumente und Fotografien aus der Zeit von 1989/90 zur Verfügung zu stellen. Ein Glücksfall war es dabei, dass sich der Fotograf Reinhard Wenzel, der seit langem in Baden-Württemberg wohnt, meldete und dem Stadtarchiv seine Aufnahmen anbot. Ein Teil davon fand bereits Eingang in das Heft zur Friedlichen Revolution von Daniel Weißbrodt in der Kleinen Suhler Reihe, das in der Galerie im CCS sowie in der Adler- und der Spangenberg-Apotheke noch erhältlich ist.
Vom 2.11. bis 27.11.2009 wurden 16 Tafeln der Ausstellung an Originalschauplätzen am Rathaus/Marktplatz, Steinweg/Kreuzkirche und im Atrium des CCS (inkl. Demonstrationen auf dem damaligen Thälmann-Platz) gezeigt. Sie fanden bei den Bürgern und Besuchern der Stadt großen Anklang.  Nunmehr 12 Tafeln vermitteln jetzt im Foyer des Neuen Rathauses in der Friedrich-König-Straße 42 einen Eindruck von den Ereignissen der Friedlichen Revolution in Suhl. Die Ausstellung ist sehr gut geeignet, insbesondere Schülern und Jugendlichen einen Einblick in die Geschehnisse von damals zu geben.
Mit dieser Ausstellung setzt die Stadt Suhl einen weiteren öffentlichen Akzent zur Erinnerung an die für die heutige Demokratie und die deutsche Wiedervereinigung bahnbrechenden Ereignisse von 1989/90. Die Texte dazu fußen auf Quellen aus dem Stadtarchiv sowie dem erwähnten Heft von Daniel Weißbrodt und wurden von Pressesprecher Holger Uske erarbeitet. Das Stadtarchiv stellte die Fotos von Rolf Kornmann, damals Fotograf beim "Freien Wort", aus dessen Nachlass bereit. Der Fotograf Manfred Hiersemann übergab seine Fotoaufnahmen und aus dem Nachlass von Herbert Sachse fügten die Gestalter Manuela Hahnebach und Andreas Kuhrt weitere Aufnahmen hinzu. Eine Zeitleiste weist auf die Abfolge der Ereignisse in Suhl hin. 
Die nachfolgenden Aufnahmen vom Eröffnungstag zeigen links Gestalterin Manuela Hahnebach gemeinsam mit Brigitta Wurschi, einer der Vorreiterinnen der Friedlichen Revolution in Suhl. Im Foto rechts ist Oberbürgermeister Dr. Jens Triebel zu sehen mit dem damaligen Superintendenten Erhard Kretschmann, der ebenfalls einen bedeutenden Anteil hat an den Suhler Aktionen der Friedlichen Revolution (Aufnahmen von der Ausstellungseröffnung: H. Uske).
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Die nachfolgenden vier Tafeln und Textbeiträge vermitteln einen Eindruck von der Ausstellung.
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Wie funktioniert Demokratie? Diese Frage stellten sich in der Friedlichen Revolution 1989/90 die Menschen immer wieder. Nur eines war für sie klar: so konnte es nicht weitergehen im Land. Die Ausreisebewegung des Sommers 1989, die durch die Parteiführung abgelehnte Veränderung der Gesellschaft im Gorbatschow´schen Sinne mit Perestrojka (Umbau) und Glasnost (Durchsichtigkeit), die schlechte wirtschaftliche Lage und vielfach unzumutbare Umweltbedingungen riefen nach Veränderung. Dabei ging es zunächst um eine veränderte DDR. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielten neben den neu gegründeten (und nicht zugelassenen) Vereinigungen Neues Forum, Demokratie jetzt oder Demokratischer Aufbruch die Kirchen. Hier waren seit langem Reformen angemahnt und Wege hin zu ihnen debattiert worden. Die Friedliche Revolution in der DDR wäre ohne die Rolle der Kirchen, den Mut der Pfarrer, ihre Gottes- und Gemeindehäuser für Veranstaltungen zu öffnen, ohne ihren immer wieder wiederholten Ruf „Keine Gewalt!" nicht möglich - und nicht erfolgreich geworden.
Im Machtvakuum Ende des Jahres 1989 und bis in das Frühjahr 1990 hinein übernahmen „runde Tische" wesentliche Entscheidungen. Auf kommunaler Ebene, im Kreis und Bezirk Suhl trafen sich dabei regelmäßig Vertreter der alten Parteien und neuen Gruppierungen, um wichtige Weichen für die Entwicklung im Gebiet zu stellen. Das allerdings wurde spätestens nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 hinfällig. Nun gab es klar bestimmte neue Mehrheitsverhältnisse im Land. Eine neue Regierung war im Amt, in den Bezirken wirkten Regierungsbevollmächtigte. Und auch in den Kommunen begann nach der Kommunalwahl am 6. Mai 1990 ein rascher Umbauprozess. Der neue Stadtrat tagte erstmals am 31. Mai 1990, übrigens noch im Plenarsaal des Gaststättenkomplexes „Kaluga" am heutigen CCS. Entscheidungen wurden nun nicht mehr per „Weisung" durch die Bezirksleitung der SED getroffen, sondern in frei gewählten Räten - in Suhl der neuen Stadtverordnetenversammlung. Das Erlernen der Demokratie kam in seine praktische Phase. Und eines brachten die neuen Verantwortlichen alle ein: den Mut zu Veränderungen und die Kraft für eine lebendige Demokratie. 
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Das machtvollste Mittel in der Friedlichen Revolution 1989/90 waren Demonstrationen. Beginnend zunächst nach den Friedensgebeten in den Kirchen ab 15. Oktober 1989 formierten sie sich schließlich zu Großveranstaltungen, die am 4. November in der größten Kundgebung der bisherigen Geschichte der Stadt Suhl mündeten. 25.000 Menschen versammelten sich am 4. November 1989 nach dem Gang durch den Steinweg auf dem damaligen Ernst-Thälmann-Platz (heute Platz der deutschen Einheit) unter dem Motto „Für unser Land".
Die dabei gezeigten Losungen waren vielfältig und reichten von allgemeinen Forderungen wie demokratischen Verhältnissen im Staat, freien Wahlen und einem Ende der Privilegien für Funktionäre bis hin zu ganz konkreten wie dem Stopp der Vorbereitungsarbeiten für eine zentrale Mülldeponie bei Marisfeld. Die bis zum Herbst 1989 von den Machthabern behauptete „Einheit von Partei und Volk", das zeigte sich nun, gab es nicht. Die Bürgerinnen und Bürger setzten dem auch in Suhl entgegen: „Wir sind das Volk". Am 4. November nahmen dabei nicht nur Vertreter des Neuen Forums wie Martin Montag, Siegfried Geißler oder Bernd Winkelmann das Wort, sondern auch Vertreter der bisherigen Staatsmacht wie der Verantwortliche für Inneres beim Rates des Bezirkes, Gerhard Sommer. Den einen vertrauten die Menschen, die anderen buhte man aus... Die Demonstrationen mündeten schließlich in den „Dialog", in dem sich Vertreter der Staatsmacht den Fragen der Bürgerinnen und Bürger öffentlich stellen mussten.
Nach einem zeitweiligen Abebben der Demonstrationen nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 kamen am 18. November unter dem Motto „Reisen ist nicht alles" wieder 5000 Menschen zusammen. Mit der Menschenkette Tausender am 3. Dezember und der Erstürmung der Suhler Stasi am 4. Dezember 1989 durch ca. 4000 Menschen erreichten die Demonstrationen schließlich eine Kraft und Wirkung, die die Veränderungen unumkehrbar machte.
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Die Rolle der Kirchen in der Friedlichen Revolution von 1989/90 in der DDR ist nicht hoch genug zu werten. Schon im Frühjahr 1989 hatte insbesondere die evangelische Kirche in der DDR Reformen im Land angemahnt. Am 13. September 1989 beriet der evangelische Pfarrkonvent des Kirchenkreises Henneberger Land in Suhl die kritische Situation im Land und bildete eine Arbeitsgruppe „Gesellschaftliche Erneuerung". Diese sollte den Wunsch der Menschen nach Veränderungen aufnehmen und kirchliche Veranstaltungen zur politischen Situation vorbereiten. Der Kern der Arbeitsgruppe entsprach dem Leitungsteam des Kirchenkreises: Superintendent Erhard Kretschmann, Pfarrer Eberhard Vater, Diakon Lutz Stiehler und Pfarrer Bernd Winkelmann. Hinzu kamen Vertreter der Ökumenischen Umweltgruppe Suhl wie Pfarrer Joachim Schwennicke, Hilmar Fahr vom Einkehrhaus Bischofrod, Wolfgang und Brigitta Wurschi u.a.. Die Kirchen, geöffnet für Friedensgebete, wurden bald zu Versammlungsorten, in denen die Menschen erstmals ihre Ängste und Befürchtungen, ihre Wut über die Agonie im Land, aber auch ihre Wünsche nach Veränderung öffentlich äußern konnten, so am 15. Oktober mit dem Gottesdienst „40 Jahre DDR" in der Hauptkirche (mehr als 2000 Teilnehmer) und am 18. Oktober in Haupt- und Kreuzkirche mit etwa 2500 Teilnehmern.
Erste friedliche „Personenbewegungen zwischen beiden Kirchen" (Pfarrer Bernd Winkelmann in seiner vorsorglichen Information an die Staatsmacht) schlossen sich an. Die Menschen begannen, die gemeinsam wachsende Kraft zu spüren. Die Friedliche Revolution war in Südthüringen angekommen mit der Bezirksstadt Suhl als einem ihrer Zentren.
Die Kirchen waren es auch, die z.B. das Manifest des Neuen Forums „Aufbruch ´89" vom 10. September 1989 vervielfältigten und verteilten, die für entstehende Arbeitsgruppen Beratungsräume bereit stellten und u.a. die basisdemokratischen Erfahrungen der Umweltgruppen einbrachten. Sie waren Ausgangspunkt und Motor der Friedlichen Revolution - und wichtigster Aspekt für ihren friedlichen Verlauf. 
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Am 4. Dezember 1989 fand in der Suhler Stadthalle (heute Congress Centrum Suhl) eine weitere öffentliche Versammlung statt, erstmals auf Einladung des Neuen Forums. 2000 bis 3000 Menschen debattierten zunächst die Umgestaltung des Landes und die Arbeitsgruppen des Neuen Forums stellten ihre bisherigen Ergebnisse vor. Gerüchten, dass die Staatsicherheit in der Suhler Bezirksbehörde in der Hölderlinstraße Akten vernichte, war der Sprecherrat des Neuen Forums bereits nachgegangen. Einer Gruppe von zehn Personen, aus der Versammlung heraus bestimmt, wurde eine Besichtigung zugesagt. Gegen 21.30 Uhr kehrte die Gruppe zurück - unverrichteter Dinge, denn eine Kontrolle habe nicht stattfinden dürfen, lediglich ein Gespräch mit Stasi-Chef Generalmajor Lange. Tumultartige Proteste brachen daraufhin los, die schließlich in einem Protestzug zur Stasi-Burg mündeten mit dem Ziel, die Stasi-Zentrale zu besetzen.
Etwa 4000 bis 5000 Teilnehmer forderten dort schließlich Einlass. Der Sprecherrat des Neuen Forums - Brigitta Wurschi, Siegfried Geißler und Bernd Winkelmann - verhandelte um Einlass einer Abordnung. Doch erst nach einem Ultimatum, dem geforderten Aushändigen eines Megaphons (siehe Bilder) sowie nach Eskalieren der Situation, als ein Wachmann Tränengas gegen die Demonstranten einsetzte und die Proteste drohten, gewaltsam zu werden, gelang das. Einer Abordnung von 15 Personen wurde schließlich gegen 23.15 Uhr Zutritt ins „Allerheiligste" der Macht, der Stasi-Zentrale, gewährt. Täuschungsmanöver folgten der bisherigen Hinhaltetaktik. Erst gegen 2 Uhr wurde ein Protokoll verlesen, dass eine Bürgerkommission mit Hilfe des Staatsanwaltes vom nächsten Tage an das gesamte Geländer der Stasi kontrollieren und versiegeln soll. Beherzte Busfahrer verhinderten einen weiteren Akten-Abtransport, in dem sie die Zugänge mit ihren Fahrzeugen blockierten.
Mit der Besetzung der Stasi-Zentrale war die Revolution auch in Suhl im Herzstück des SED-Machtapparates angekommen.






 

 
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